13 kommentierte Aphorismen und Zitate – Stand: 14. Mai 2011
Nr. 12 – 27. März 2011
Mein Körper steckt eher in mir als ich in ihm. – Joachim Günther
Das Leib-Seele-Problem – also die Frage, inwieweit Psychisches auf Physisches wirkt – steht im Zentrum der abendländischen Philosophie. Ging Aristoteles noch davon aus, dass sich in allen körperlichen Substanzen, die an sich nur Möglichkeit sind, eine bestimmte Form realisiert, ist das Thema spätestens seit der Neuzeit hochumstritten. Gibt es nur die Seele, weil man den Leib imaginiert (Leibniz, Berkeley)? Vermittelt die Zirbeldrüse zwischen den beiden Bereichen (Descartes)? Sorgt Gott bei Bewusstseinsregungen für die entsprechenden leiblichen Bewegungen (Malebranche, Geulincx)? Oder ist der Geist nicht mehr als eine Körperfunktion (La Mettrie)? All diese Ansätze muten ein wenig akademisch an. Dass die Ausgangsfrage aber von existentieller Bedeutung ist, da sie durch die Erfahrung des Menschen mit sich selbst entsteht, ruft der vorliegende Aphorismus von Joachim Günther (Ps. Johann Siering; 1905–1990) eindrucksvoll ins Gedächtnis.
Alexander Eilers
Aphorismus aus: Joachim Günther, Findlinge. Heidelberg: Lambert Schneider, 1976, S. 89
Stichworte: seele geist körper gott bewusstsein gottfried wilhelm leibniz george berkeley rené descartes aristoteles arnold geulincx nicolas malebranche julien offray de la mettrie joachim günther alexander eilers
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Nr. 11 – 25. Dez. 2010
Es ist unphilosophisch, zu viel von der Philosophie zu verlangen. – Vytautas Karalius
Dieser Satz ironisiert nicht nur das Glücksversprechen der Weisheit, sondern thematisiert auch den ‚Skandal der Philosophie’. In der Kritik der reinen Vernunft (1781/87) beklagt Immanuel Kant, dass die abendländische Metaphysik keinen „genugtuenden Beweis“ für das „Dasein der Dinge außer uns“ erbracht habe, weshalb man es noch immer „auf bloßen Glauben [hin] annehmen [müsse]“. Seine Anforderungen an die eigene Disziplin sind sehr hoch. Nachgeborene Denker kritisierten, dass er den an Empirie und Faktizität orientierten Positivisten eine Vorlage zur Diskreditierung der Geisteswissenschaft geliefert hätte. 140 Jahre später antwortete etwa Martin Heidegger: „Der Skandal der Philosophie besteht nicht darin, dass [der] Beweis [der Außenwelt] bislang aussteht, sondern darin, dass solche Beweise immer wieder erwartet und versucht werden.“ Der Aphorismus des litauischen Schriftstellers Karalius (Jg. 1931) dekuvriert überzogene Erkenntnisansprüche und bekennt sich dennoch zum meditativen Leben.
Alexander Eilers
Aphorismus aus: Vytautas Karalius, Flöhe in der Zwangsjacke. Aphorismen, Paradoxa, ironische Anspielungen. Zum 80. Geburtstag. Hrsg. und mit einem Nachw. vers. von Alexander Eilers. Fernwald: litblockín, 2011, S. 8
Stichworte: erwartung beweis evidenz erkenntnis immanuel kant martin heidegger vytautas karalius alexander eilers
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Nr. 10 – 18. Juni 2010
Zeit entsteht, indem sie vergeht. – Karl Lubomirski
Mit diesem knappen, aber gehaltvollen Aphorismus formuliert der in Mailand lebende Schriftsteller Karl Lubomirski (Jg. 1939) eine eigenständige Position im philosophischen Diskurs. Wurde Zeit mal als ,objektive’, mal als ,subjektive’ Größe aufgefasst, so bewegt sich das vorliegende Notat zwischen den theoretischen Fronten. Es erklärt die fließende Verwandlung des Jetzt in ein Gerade-Vorhin zur Entstehungsbedingung von Dauer. Damit ist Zeit zwar an die innerliche Wahrnehmung des Entschwindens gebunden, doch stellt sie mehr als ein bloßes Bewusstseinsphänomen dar. Indem sie der menschliche Geist hervorbringt, nimmt sie ,reale’ Gestalt an – nicht im absoluten Sinne, sondern als ,Reflexions-Gegenstand’.
Alexander Eilers
Aphorismus aus: Karl Lubomirski, Links oder Rechts. Oder Mensch. Mailänder Reflexionen. Innsbruck; Wien: Berenkamp, 2005. S. 71
Stichworte: zeit objektivität subjektivität vergänglichkeit karl lubomirski alexander eilers
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Nr. 8 – 14. Mai 2010
„Die Idee eines übermächtigen göttlichen Wesens ist überall vorhanden, wenn nicht bewußt, so doch unbewußt, denn sie ist ein Archetypus.“ – Carl Gustav Jung
Der stetige Wandel, das Fließen von Energie – das war Heraklits Entdeckung. Als Wirkprinzip der Welt erfand er sich den Lógos. Dem Menschen erfand er den kleingeschriebenen lógos, der befähigte den großen wahrzunehmen und sich selbst darin zu erkennen. Es gab also das äußere, im Großen wirkende Prinzip und das innere kleine.
Gott ist der Gegenpol des Ichs, das sich ebenso immateriell erlebt und sich durch Vorstellung, Traum und Phantasie in vielerlei Jenseits begeben kann. So ist ihm das Prinzip göttlicher Allgegenwart vertraut. Zum einen ist der eigene unsichtbare Geist ein Gottesbeweis, zum anderen weiß ich, dass ich die Existenz meines Geistes einem anderen, nämlich Gott schulde. Urtypus ist er, weil es von Anfang an etwas gibt, das sich von allem, auch vom geringsten, abstößt: Information. Auch sie ist unsichtbar und trotzdem überall, wo Dasein ist. Sie entsteht aus Verboten, die das Ding dem Nichts aufgibt, und kann – wie Gott – nicht nichtexistieren.
Frank Milautzcki
Zitat aus: Carl Gustav Jung, Das Unbewußte im normalen und kranken Seelenleben. 1926. S. 103 f.
Stichworte: gott bewusstsein heraklit lógos traum phantasie carl gustav jung frank milautzcki
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Nr. 1 – 27. Jan. 2008
Sprechen Herr und Knecht verschiedene Sprachen, verstehen sie sich am besten. – Wilhelm Schwöbel
Viele Aphorismen bedienen sich des Mittels der Verblüffung, so auch dieser. Weist „verstehen“ etwa nicht auf Ähnlichkeit, also eine gemeinsame Sprachebene hin? Wilhelm Schwöbel, ein Verehrer des kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómez Dávila, hat wie jener einen scharfen Blick für die Einebnungsversuche künstlerischer, Geistiger und menschlicher Unterschiede. Die Forderung nach dem herrschaftsfreien Dialog und das Ethos der flachen Hierarchie sind heute Doktrin in Politik und Wirtschaft. Im Klima der falschen Vertraulichkeit nach einem vorschnell angebotenen „Du“ gibt es keine Verständigung. Verständigung im besten Sinne bedarf – neben der Fähigkeit des Zuhörens – eines unpopulären Gespürs für Rangunterschiede, die sich in einer Sprache der Dominanz und einer der Unterlegenheit äußern. Die naive, wohlmeinende und auch politisch korrekte Verwischung solcher Unterschiede erscheint hier geradezu als die Quelle des Missverständnisses.
Tobias Grüterich
Aphorismus aus: Wilhelm Schwöbel, Ansichten und Einsichten Band 2. 2. Aufl. Wien: Karolinger, 2000 (zuerst Wien 1999), S. 57
Stichworte: sprache verstehen niveau gleichheit unterschied missverständnis herrschaft macht gespräch nicolás gómez dávila wilhelm schwöbel tobias grüterich
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