13 kommentierte Aphorismen und Zitate – Stand: 14. Mai 2011
Nr. 8 – 14. Mai 2010
„Die Idee eines übermächtigen göttlichen Wesens ist überall vorhanden, wenn nicht bewußt, so doch unbewußt, denn sie ist ein Archetypus.“ – Carl Gustav Jung
Der stetige Wandel, das Fließen von Energie – das war Heraklits Entdeckung. Als Wirkprinzip der Welt erfand er sich den Lógos. Dem Menschen erfand er den kleingeschriebenen lógos, der befähigte den großen wahrzunehmen und sich selbst darin zu erkennen. Es gab also das äußere, im Großen wirkende Prinzip und das innere kleine.
Gott ist der Gegenpol des Ichs, das sich ebenso immateriell erlebt und sich durch Vorstellung, Traum und Phantasie in vielerlei Jenseits begeben kann. So ist ihm das Prinzip göttlicher Allgegenwart vertraut. Zum einen ist der eigene unsichtbare Geist ein Gottesbeweis, zum anderen weiß ich, dass ich die Existenz meines Geistes einem anderen, nämlich Gott schulde. Urtypus ist er, weil es von Anfang an etwas gibt, das sich von allem, auch vom geringsten, abstößt: Information. Auch sie ist unsichtbar und trotzdem überall, wo Dasein ist. Sie entsteht aus Verboten, die das Ding dem Nichts aufgibt, und kann – wie Gott – nicht nichtexistieren.
Frank Milautzcki
Zitat aus: Carl Gustav Jung, Das Unbewußte im normalen und kranken Seelenleben. 1926. S. 103 f.
Stichworte: gott bewusstsein heraklit lógos traum phantasie carl gustav jung frank milautzcki
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Nr. 4 – 21. Apr. 2008
Une seule chose importe: Apprendre à être perdant. – Emil Cioran
Für Werner Helmich
„Eine einzige Sache zählt: Lernen, Verlierer zu sein.“ Menschen, die Cioran schätzen, sind in der Regel keine finsteren Gestalten, sondern Menschen, die ihre Desillusionen hinter sich haben und doch genügend Formgefühl besitzen, um ansprechend und ansprechbar wirken zu wollen. Dahin ist die avantgardistische Geste des zukunftsgewissen Auftrumpfens oder des Ausspielens rhetorischer Überlegenheit. Solche Abrüstung der ästhetischen Mittel ist den Kennern ein Gütesiegel zeitgenössischer Aphoristik. Sie hat vor allem in der französischen Literatur ihren Nährboden. Bei Cioran ist an Paul Valérys Ökonomie der reinen Mittel zu erinnern. Die reinen Mittel, das sind Laut und Gestalt von Wort und Satz. Was dann zum Vorschein kommen soll nach der textuellen Abrüstung, ist kein menschlicher Makel, sondern der atmende Organismus aus Knochen, Muskeln, Fleisch und Blut. Aphorismen, die ich in diesem Zeichen für gelungen halte, sind dann solche, die ein dezentes Text- und Theoriedesign haben.
Christoph Grubitz
Aphorismus aus: Emil Cioran, De l’inconvénient d’être né. Œuvres, coll. Quarto, éd. Gallimard, p. 1346
Stichworte: verlieren scheitern desillusion frankreich werner helmich paul valéry emil cioran christoph grubitz
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Nr. 2 – 27. Jan. 2008
Was aller Beschreibung spottet, ist Poesie – Elazar Benyoëtz
Eigentlich verbieten sich hier Amplifikationen, die letztlich immer beschreibenden Charakter haben. Dennoch wage ich eine Annäherung an den Satz, dessen Poesie eine unaufdringliche ist, ja sogar in dieser Unscheinbarkeit besteht. Dass vorliegender Einspruch nicht sprachlich, z.B. mit einem originellen, „blendwerklichen“ (Benyoëtz) Wortwitz, sondern „sachlich pointiert“ (Harald Fricke) ist, bezeugt seine Qualität. Es treffen sachliche Pointe und Definitionsaphorismus zusammen, denn über das Wesen der Poesie wird hier zunächst eine Aussage getroffen. Dieser Befund ignoriert aber die Balance der beiden Satzglieder. Benyoëtz wertet gleichzeitig die feste Wendung „was aller Beschreibung spottet“, die gewöhnlich zum Vokabular des Wutausbruchs gehört, in ihr Gegenteil um. Nicht nur das, das uns wütend und – im einfachen Wortsinn – sprachlos macht, scheut weitschweifend-redselige, verwässernde Erläuterungen, sondern auch die höchste Form der Sprache: die Poesie.
Tobias Grüterich
Aphorismus aus: Elazar Benyoëtz, Das Mehr gespalten. Einsprüche. Einsätze. Jena; Dresden: Edition AZUR im Glaux Verlag, 2007, S. 98
Stichworte: sprache unsagbar wut literatur beschreibung unscheinbar definition harald fricke elazar benyoëtz tobias grüterich
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