13 kommentierte Aphorismen und Zitate – Stand: 14. Mai 2011
Nr. 4 – 21. Apr. 2008
Une seule chose importe: Apprendre à être perdant. – Emil Cioran
Für Werner Helmich
„Eine einzige Sache zählt: Lernen, Verlierer zu sein.“ Menschen, die Cioran schätzen, sind in der Regel keine finsteren Gestalten, sondern Menschen, die ihre Desillusionen hinter sich haben und doch genügend Formgefühl besitzen, um ansprechend und ansprechbar wirken zu wollen. Dahin ist die avantgardistische Geste des zukunftsgewissen Auftrumpfens oder des Ausspielens rhetorischer Überlegenheit. Solche Abrüstung der ästhetischen Mittel ist den Kennern ein Gütesiegel zeitgenössischer Aphoristik. Sie hat vor allem in der französischen Literatur ihren Nährboden. Bei Cioran ist an Paul Valérys Ökonomie der reinen Mittel zu erinnern. Die reinen Mittel, das sind Laut und Gestalt von Wort und Satz. Was dann zum Vorschein kommen soll nach der textuellen Abrüstung, ist kein menschlicher Makel, sondern der atmende Organismus aus Knochen, Muskeln, Fleisch und Blut. Aphorismen, die ich in diesem Zeichen für gelungen halte, sind dann solche, die ein dezentes Text- und Theoriedesign haben.
Christoph Grubitz
Aphorismus aus: Emil Cioran, De l’inconvénient d’être né. Œuvres, coll. Quarto, éd. Gallimard, p. 1346
Stichworte: verlieren scheitern desillusion frankreich werner helmich paul valéry emil cioran christoph grubitz
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Nr. 3 – 19. Apr. 2008
Je suis réaction à ce que je suis. – Paul Valéry
„Ich bin Reaktion auf das, was ich bin.“ – So schreibt Paul Valéry in einem Cahier seines letzten Lebensjahrs 1945. Ein ebenso prägnanter wie sardonisch-abgründiger Satz: Was einer auch beginnt, es kommt aus keinem Ursprung, sondern aus der Reaktion. Andererseits: Wer A sagt, muss heute nicht auch B oder C sagen – sondern er darf seine Selbstsetzungen und Einsichten frei verantworten und korrigieren. Und das tat Valéry in seinen aphoristischen Cahiers ein halbes Jahrhundert lang. Ohne es anderen als den Eingeweihten zu sagen, ist Valérys Aphorismus, symbolistischer Haltung entsprechend, ein Aphorismus über das poetische Wort. Als Schüler Stéphane Mallarmés wuchs Valéry selbst auf mit der unstillbaren Sehnsucht der Avantgarden nach einer unverwechselbaren Form. Ähnlichkeit wirkt bei ihm als formales Angebot stabilisierend diesseits der sinnstiftenden Ideologien. Um 1900 herrscht bei vielen Dichtern der Welt die gleiche Diktion, in Frankreich und Italien haben sie sich bis heute erhalten.
Christoph Grubitz
Aphorismus aus: Paul Valéry, Cahiers, éd. par Judith Robinson, 2 vol.. Paris, Gallimard, collection „Bibliothèque de la Pléiade“, 1974, tome I, p. 1356
Stichworte: avantgarde klassizismus stéphane mallarmé moderne erkenntnis frankreich paul valéry christoph grubitz
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