13 kommentierte Aphorismen und Zitate – Stand: 14. Mai 2011
Nr. 9 – 1. Juni 2010
Recht auf Widerstand liegt dann vor, wenn dessen Ausübung unmöglich ist. – Raimund Vidrányi
Diese paradoxe Definition stammt von dem gebürtigen Ungarn Raimund Vidrányi (1930–2004), der als promovierter Jurist und Osteuropa-Referent bei der EWG in Luxemburg tätig war. Sie thematisiert nicht nur die Ohnmacht unterdrückter Minderheiten in einer Diktatur, sondern legt auch die Grenzen des zivilen Ungehorsams fest. Ihr zufolge ist Widerstand erst dann erlaubt, wenn elementares Unrecht herrscht, alle legalen Mittel des Protests ausgeschöpft sind und der Staat jegliche Kritik im Keim erstickt. Dass sich aber unter solchen Bedingungen überhaupt keine Opposition mehr bilden kann, liegt auf der Hand, und dennoch darf die Pflicht zum Rechtsgehorsam lediglich in Notlagen ausgesetzt werden. Nach Brechts revolutionärem Aufruf „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!“ gibt sich Vidrányi als ebenso pessimistischer wie konservativ-humanistischer Denker zu erkennen.
Alexander Eilers
Aphorismus aus: Raimund Vidrányi, Kontrastmittel. Zum 80. Geburtstag. Hrsg. und mit einem Nachw. vers. von Alexander Eilers. Fernwald: litblockín, 2010, S. 15
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