13 kommentierte Aphorismen und Zitate – Stand: 14. Mai 2011
Nr. 2 – 27. Jan. 2008
Was aller Beschreibung spottet, ist Poesie – Elazar Benyoëtz
Eigentlich verbieten sich hier Amplifikationen, die letztlich immer beschreibenden Charakter haben. Dennoch wage ich eine Annäherung an den Satz, dessen Poesie eine unaufdringliche ist, ja sogar in dieser Unscheinbarkeit besteht. Dass vorliegender Einspruch nicht sprachlich, z.B. mit einem originellen, „blendwerklichen“ (Benyoëtz) Wortwitz, sondern „sachlich pointiert“ (Harald Fricke) ist, bezeugt seine Qualität. Es treffen sachliche Pointe und Definitionsaphorismus zusammen, denn über das Wesen der Poesie wird hier zunächst eine Aussage getroffen. Dieser Befund ignoriert aber die Balance der beiden Satzglieder. Benyoëtz wertet gleichzeitig die feste Wendung „was aller Beschreibung spottet“, die gewöhnlich zum Vokabular des Wutausbruchs gehört, in ihr Gegenteil um. Nicht nur das, das uns wütend und – im einfachen Wortsinn – sprachlos macht, scheut weitschweifend-redselige, verwässernde Erläuterungen, sondern auch die höchste Form der Sprache: die Poesie.
Tobias Grüterich
Aphorismus aus: Elazar Benyoëtz, Das Mehr gespalten. Einsprüche. Einsätze. Jena; Dresden: Edition AZUR im Glaux Verlag, 2007, S. 98
Stichworte: sprache unsagbar wut literatur beschreibung unscheinbar definition harald fricke elazar benyoëtz tobias grüterich
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Nr. 1 – 27. Jan. 2008
Sprechen Herr und Knecht verschiedene Sprachen, verstehen sie sich am besten. – Wilhelm Schwöbel
Viele Aphorismen bedienen sich des Mittels der Verblüffung, so auch dieser. Weist „verstehen“ etwa nicht auf Ähnlichkeit, also eine gemeinsame Sprachebene hin? Wilhelm Schwöbel, ein Verehrer des kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómez Dávila, hat wie jener einen scharfen Blick für die Einebnungsversuche künstlerischer, geistiger und menschlicher Unterschiede. Die Forderung nach dem herrschaftsfreien Dialog und das Ethos der flachen Hierarchie sind heute Doktrin in Politik und Wirtschaft. Im Klima der falschen Vertraulichkeit nach einem vorschnell angebotenen „Du“ gibt es keine Verständigung. Verständigung im besten Sinne bedarf – neben der Fähigkeit des Zuhörens – eines unpopulären Gespürs für Rangunterschiede, die sich in einer Sprache der Dominanz und einer der Unterlegenheit äußern. Die naive, wohlmeinende und auch politisch korrekte Verwischung solcher Unterschiede erscheint hier geradezu als die Quelle des Missverständnisses.
Tobias Grüterich
Aphorismus aus: Wilhelm Schwöbel, Ansichten und Einsichten Band 2. 2. Aufl. Wien: Karolinger, 2000 (zuerst Wien 1999), S. 57
Stichworte: sprache verstehen niveau gleichheit unterschied missverständnis herrschaft macht gespräch nicolás gómez dávila wilhelm schwöbel tobias grüterich
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