13 kommentierte Aphorismen und Zitate – Stand: 14. Mai 2011
Nr. 3 – 19. Apr. 2008
Je suis réaction à ce que je suis. – Paul Valéry
„Ich bin Reaktion auf das, was ich bin.“ – So schreibt Paul Valéry in einem Cahier seines letzten Lebensjahrs 1945. Ein ebenso prägnanter wie sardonisch-abgründiger Satz: Was einer auch beginnt, es kommt aus keinem Ursprung, sondern aus der Reaktion. Andererseits: Wer A sagt, muss heute nicht auch B oder C sagen – sondern er darf seine Selbstsetzungen und Einsichten frei verantworten und korrigieren. Und das tat Valéry in seinen aphoristischen Cahiers ein halbes Jahrhundert lang. Ohne es anderen als den Eingeweihten zu sagen, ist Valérys Aphorismus, symbolistischer Haltung entsprechend, ein Aphorismus über das poetische Wort. Als Schüler Stéphane Mallarmés wuchs Valéry selbst auf mit der unstillbaren Sehnsucht der Avantgarden nach einer unverwechselbaren Form. Ähnlichkeit wirkt bei ihm als formales Angebot stabilisierend diesseits der sinnstiftenden Ideologien. Um 1900 herrscht bei vielen Dichtern der Welt die gleiche Diktion, in Frankreich und Italien haben sie sich bis heute erhalten.
Christoph Grubitz
Aphorismus aus: Paul Valéry, Cahiers, éd. par Judith Robinson, 2 vol.. Paris, Gallimard, collection „Bibliothèque de la Pléiade“, 1974, tome I, p. 1356
Stichworte: avantgarde klassizismus stéphane mallarmé moderne erkenntnis frankreich paul valéry christoph grubitz
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