13 kommentierte Aphorismen und Zitate – Stand: 14. Mai 2011
Nr. 13 – 14. Mai 2011
Geschichte, eine Kreislaufstörung. – Jürgen Große
Hatte sich die griechisch-römische Historiographie auf die Darstellung von Kausalzusammenhängen konzentriert, so brachte das Christentum einen tiefen Einschnitt im geschichtlichen Denken. Seither sind im Abendland lineare Entwicklungsmodelle tonangebend – ob als teleologische Heilslehre, als Emanzipation der Vernunft oder als wissenschaftlich-technischer Fortschritt. Gleichwohl hat es nie an Alternativen gemangelt. So ging etwa Giambattista Vico (1668–1744) von einer periodischen Wiederkehr der Zeitalter aus. Auch Oswald Spengler (1880–1936) vertrat eine zyklische Geschichtsphilosophie, indem er Kulturen mit Organismen verglich, die nach einem „schicksalhaften Lebensplan“ entstehen und vergehen. Auf ihn spielt der promovierte Philosoph Jürgen Große (Jg. 1963) an, wenn er die progressiv-optimistische Sichtweise als ,Schwindel’ entlarvt.
Alexander Eilers
Aphorismus aus: Jürgen Große, Aus Zeit und Geschichte. Regensburg: S. Roderer, 2000. S. 41
Stichworte: zeit fortschritt geschichte christentum giambattista vico oswald spengler jürgen große alexander eilers
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Nr. 12 – 27. März 2011
Mein Körper steckt eher in mir als ich in ihm. – Joachim Günther
Das Leib-Seele-Problem – also die Frage, inwieweit Psychisches auf Physisches wirkt – steht im Zentrum der abendländischen Philosophie. Ging Aristoteles noch davon aus, dass sich in allen körperlichen Substanzen, die an sich nur Möglichkeit sind, eine bestimmte Form realisiert, ist das Thema spätestens seit der NeuZeit hochumstritten. Gibt es nur die Seele, weil man den Leib imaginiert (Leibniz, Berkeley)? Vermittelt die Zirbeldrüse zwischen den beiden Bereichen (Descartes)? Sorgt Gott bei Bewusstseinsregungen für die entsprechenden leiblichen Bewegungen (Malebranche, Geulincx)? Oder ist der Geist nicht mehr als eine Körperfunktion (La Mettrie)? All diese Ansätze muten ein wenig akademisch an. Dass die Ausgangsfrage aber von existentieller Bedeutung ist, da sie durch die Erfahrung des Menschen mit sich selbst entsteht, ruft der vorliegende Aphorismus von Joachim Günther (Ps. Johann Siering; 1905–1990) eindrucksvoll ins Gedächtnis.
Alexander Eilers
Aphorismus aus: Joachim Günther, Findlinge. Heidelberg: Lambert Schneider, 1976, S. 89
Stichworte: seele geist körper gott bewusstsein gottfried wilhelm leibniz george berkeley rené descartes aristoteles arnold geulincx nicolas malebranche julien offray de la mettrie joachim günther alexander eilers
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Nr. 10 – 18. Juni 2010
Zeit entsteht, indem sie vergeht. – Karl Lubomirski
Mit diesem knappen, aber gehaltvollen Aphorismus formuliert der in Mailand lebende Schriftsteller Karl Lubomirski (Jg. 1939) eine eigenständige Position im philosophischen Diskurs. Wurde Zeit mal als ,objektive’, mal als ,subjektive’ Größe aufgefasst, so bewegt sich das vorliegende Notat zwischen den theoretischen Fronten. Es erklärt die fließende Verwandlung des Jetzt in ein Gerade-Vorhin zur Entstehungsbedingung von Dauer. Damit ist Zeit zwar an die innerliche Wahrnehmung des Entschwindens gebunden, doch stellt sie mehr als ein bloßes Bewusstseinsphänomen dar. Indem sie der menschliche Geist hervorbringt, nimmt sie ,reale’ Gestalt an – nicht im absoluten Sinne, sondern als ,Reflexions-Gegenstand’.
Alexander Eilers
Aphorismus aus: Karl Lubomirski, Links oder Rechts. Oder Mensch. Mailänder Reflexionen. Innsbruck; Wien: Berenkamp, 2005. S. 71
Stichworte: zeit objektivität subjektivität vergänglichkeit karl lubomirski alexander eilers
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Nr. 4 – 21. Apr. 2008
Une seule chose importe: Apprendre à être perdant. – Emil Cioran
Für Werner Helmich
„Eine einzige Sache zählt: Lernen, Verlierer zu sein.“ Menschen, die Cioran schätzen, sind in der Regel keine finsteren Gestalten, sondern Menschen, die ihre Desillusionen hinter sich haben und doch genügend Formgefühl besitzen, um ansprechend und ansprechbar wirken zu wollen. Dahin ist die avantgardistische Geste des zukunftsgewissen Auftrumpfens oder des Ausspielens rhetorischer Überlegenheit. Solche Abrüstung der ästhetischen Mittel ist den Kennern ein Gütesiegel Zeitgenössischer Aphoristik. Sie hat vor allem in der französischen Literatur ihren Nährboden. Bei Cioran ist an Paul Valérys Ökonomie der reinen Mittel zu erinnern. Die reinen Mittel, das sind Laut und Gestalt von Wort und Satz. Was dann zum Vorschein kommen soll nach der textuellen Abrüstung, ist kein menschlicher Makel, sondern der atmende Organismus aus Knochen, Muskeln, Fleisch und Blut. Aphorismen, die ich in diesem Zeichen für gelungen halte, sind dann solche, die ein dezentes Text- und Theoriedesign haben.
Christoph Grubitz
Aphorismus aus: Emil Cioran, De l’inconvénient d’être né. Œuvres, coll. Quarto, éd. Gallimard, p. 1346
Stichworte: verlieren scheitern desillusion frankreich werner helmich paul valéry emil cioran christoph grubitz
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Nr. 2 – 27. Jan. 2008
Was aller Beschreibung spottet, ist Poesie – Elazar Benyoëtz
Eigentlich verbieten sich hier Amplifikationen, die letztlich immer beschreibenden Charakter haben. Dennoch wage ich eine Annäherung an den Satz, dessen Poesie eine unaufdringliche ist, ja sogar in dieser Unscheinbarkeit besteht. Dass vorliegender Einspruch nicht sprachlich, z.B. mit einem originellen, „blendwerklichen“ (Benyoëtz) Wortwitz, sondern „sachlich pointiert“ (Harald Fricke) ist, bezeugt seine Qualität. Es treffen sachliche Pointe und Definitionsaphorismus zusammen, denn über das Wesen der Poesie wird hier zunächst eine Aussage getroffen. Dieser Befund ignoriert aber die Balance der beiden Satzglieder. Benyoëtz wertet gleichZeitig die feste Wendung „was aller Beschreibung spottet“, die gewöhnlich zum Vokabular des Wutausbruchs gehört, in ihr Gegenteil um. Nicht nur das, das uns wütend und – im einfachen Wortsinn – sprachlos macht, scheut weitschweifend-redselige, verwässernde Erläuterungen, sondern auch die höchste Form der Sprache: die Poesie.
Tobias Grüterich
Aphorismus aus: Elazar Benyoëtz, Das Mehr gespalten. Einsprüche. Einsätze. Jena; Dresden: Edition AZUR im Glaux Verlag, 2007, S. 98
Stichworte: sprache unsagbar wut literatur beschreibung unscheinbar definition harald fricke elazar benyoëtz tobias grüterich
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