13 kommentierte Aphorismen und Zitate – Stand: 14. Mai 2011
Nr. 6 – 10. Mai 2010
Der Mensch bewundert aufrichtig nur das Unverdiente. Talent, Abstammung, Schönheit. – Nicolás Gómez Dávila
Wer vieles von dem, das er erreicht hat, als Glück oder Zufall darstellt, löst heute einen Aufschrei aus. Bescheidenheit provoziert. Und dies gilt nicht nur für die vorgetäuschte, die Bestandteil vieler Koketterien ist, sondern gerade für die echte. Die Weigerung, stolz zu sein, beleidigt die, die es sind oder sein wollen. Der Bescheidene dankt dem Rückenwind, den – ich verzichte auf die Anführungszeichen – günstigen Umständen und weist darauf, dass Fleiß und Ehrgeiz, also die selbst verantworteten Anteile des Erfolges, eben dadurch ihre Grenzen haben. Wer sich etwas hart erarbeitet hat und sich dafür auf die Schulter klopft, ahnt gelegentlich noch mit nachträglichem Schrecken, dass es auch hätte anders kommen können. Wo Schweiß floss, herrscht heute noch Angst. Der Strebsame erreicht daher nie die Gelassenheit des Dankbaren, der weiß, fast alles ein Geschenk ist. Ehrgeiz ermöglicht, aber er legitimiert nicht – und vollbringt keine Wunder.
Tobias Grüterich
Aphorismus aus: Nicolás Gómez Dávila, Scholien zu einem inbegriffenen Text. Wien: Karolinger, 2006, S. 549
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